Beim Kauf individueller und hochpreisiger Schmuckstücke spielt die Vorstellungskraft der Kund*innen eine zentrale Rolle. Gerade bei Verlobungs-, Trau- oder Siegelringen ist die Entscheidung häufig mit starken Emotionen verbunden, während gleichzeitig oft noch kein klares Bild des fertigen Schmuckstücks vorhanden ist. Genau hier setzt die AR-Visualisierung von Schmuckstücken an: Digitale Modelle können im Beratungsgespräch realitätsnah am eigenen Finger eingeblendet und so unmittelbar erlebbar gemacht werden.
Auf diese Weise wird aus einer abstrakten Idee ein anschaulicher Eindruck des späteren Schmuckstücks. Kund*innen können Formen, Proportionen und Wirkung besser einschätzen, noch bevor eine physische Anfertigung erfolgt. Das unterstützt nicht nur die Entscheidungsfindung, sondern schafft auch ein besonderes Beratungserlebnis. Gleichzeitig erhalten Schmuckunternehmen ein digitales Werkzeug, mit dem sich Ringmodelle strukturiert verwalten und gezielt in den Verkaufsprozess integrieren lassen.
Welches Problem löst der Demonstrator?
Der Demonstrator adressiert die Unsicherheit von Kundinnen beim Kauf hochpreisiger und emotional bedeutungsvoller Schmuckstücke. Gerade bei individuell gestalteten Verlobungs-, Trau- oder Siegelringen haben viele Kund:innen eher ein Gefühl oder eine emotionale Vorstellung davon, was sie möchten, als ein klares Bild vom finalen Produkt. Die AR-Visualisierung soll diese Vorstellung greifbarer machen, Unsicherheiten reduzieren und die Kaufentscheidung unterstützen.
Wer ist die Zielgruppe?
Die Lösung richtet sich in erster Linie an die Goldschmiede und deren Kund*innen. Darüber hinaus ist der Demonstrator grundsätzlich auch für andere Juweliere und Anbieter individualisierter Schmuckstücke relevant, die ihren Beratungs- und Verkaufsprozess digital erweitern möchten.
Was zeigt der Demonstrator konkret?
Der Demonstrator zeigt eine tabletbasierte AR-Anwendung, mit der digitale Schmuckstücke im Verkaufsgespräch visualisiert werden können. Kund*innen können ausgewählte digitale Ringe auf dem Tablet direkt am eigenen Finger betrachten.
Wie funktioniert die Lösung technisch?
Die Lösung basiert auf einer in Unity entwickelten AR-Anwendung für Tablets. Die 3D Modelle der Ringe können im Vorfeld importiert und dort in einer visuellen Datenbank durchsucht werden. So sind sie für Goldschmieden individuell anpassbar. Zur Erkennung der Hand und zur Positionierung des virtuellen Rings am Finger wurde ein maschinelles Lernen Verfahren verwendet. Aus dem Kamerabild werden Handpositionsdaten extrahiert, die zur Platzierung des Rings genutzt werden. Weiter werden die Positionsdaten der Hand auch benutzt, um die Rotation des Rings aus den Videodaten darzustellen.
Wie ausgereift ist der Demonstrator?
Der Demonstrator ist ein funktionsfähiger Prototyp, der bereits auf einem Tablet lauffähig ist und gemeinsam mit einer kooperierenden Goldschmiede getestet wurde. Die Funktionalität erwies sich als gut in den bestehenden Verkaufsprozess integrierbar. Gleichzeitig handelt es sich noch nicht um ein vollständig ausgereiftes Produkt, da insbesondere die visuelle Perfektion, die Robustheit Positionierung des Ringes und die Nutzerführung weiter optimiert werden können.
Welche Annahmen oder Einschränkungen gibt es?
Die Lösung setzt voraus, dass die Hand der Nutzer*innen zunächst in einer definierten Position kalibriert wird. Während der Nutzung dürfen die Finger nicht unabhängig voneinander bewegt werden, da dies die Rotationsberechnung verfälschen kann. Zudem ist die realitätsgetreue Darstellung insbesondere von Edelsteinen auf tabletbasierten Endgeräten technisch begrenzt, da diese nur über eingeschränkte grafische Rechenleistung verfügen.
Eine weitere Einschränkung besteht darin, dass das Kamerabild nur zweidimensional ist, während der Ring als dreidimensionales Objekt dargestellt wird. Dadurch kann der Ring den Finger in der AR-Darstellung nicht vollständig physikalisch korrekt umschließen.
Wie könnte die Lösung in der Praxis eingesetzt werden?
Die Lösung kann direkt im Beratungsgespräch im Verkauf eingesetzt werden, um Kund*innen individuell gestaltete Ringe frühzeitig und möglichst anschaulich erlebbar zu machen. Sie kann dabei sowohl für die Präsentation neuer Entwürfe als auch für das Wiederaufrufen bereits verkaufter Ringe genutzt werden. Darüber hinaus könnte die Ringdatenbank als digitales Beratungswerkzeug dienen, um Varianten, Materialien und Designs strukturiert im Kundengespräch zu vergleichen.
Was ist der Mehrwert gegenüber bestehenden Lösungen?
Im Vergleich zur bisherigen Betrachtung von 3D-Modellen am PC-Monitor schafft die AR-Lösung ein deutlich immersiveres und persönlicheres Erlebnis. Kund*innen sehen das Schmuckstück nicht nur als digitales Modell, sondern direkt in Bezug auf ihre eigene Hand. Dadurch wird die emotionale Vorstellung konkreter, die Bindung an das Produkt gestärkt und die Unsicherheit im Kaufprozess reduziert.
Ein zusätzlicher Mehrwert liegt in der Verbindung aus Visualisierung und Modellverwaltung: Die Lösung unterstützt nicht nur die Inszenierung des Schmuckstücks, sondern auch den strukturierten Zugriff auf in der Vergangenheit gefertigte Ringe im Verkaufsprozess.
Welche Erkenntnisse wurden bisher gewonnen?
Die bisherigen Ergebnisse zeigen, dass eine AR-Visualisierung von Schmuckstücken grundsätzlich technisch umsetzbar ist und sich in den Verkaufsprozess einer Goldschmiede integrieren lässt. Besonders deutlich wurde, dass die visuelle Qualität für die Akzeptanz einer solchen Lösung eine zentrale Rolle spielt, da Schmuckstücke stark über ihre Ästhetik und emotionale Wirkung wahrgenommen werden.
Zugleich hat das Projekt gezeigt, dass gerade die realistische Darstellung von Edelsteinen und glänzenden Materialien auf mobilen Endgeräten anspruchsvoll ist und kreative technische Lösungen erfordert. Auch die korrekte Positionierung und Rotation eines Rings auf Basis zweidimensionaler Kameradaten stellte sich als komplex heraus.
Was sind die nächsten Schritte?
Sinnvolle nächste Schritte sind die weitere Optimierung des Hand-Trackings und der Rotationsberechnung, um die Robustheit und Nutzerfreundlichkeit der Anwendung zu erhöhen.